Sifu Henry Müller: Die Entwicklung des Wing Tsun

Als ich 1988 zum ersten Mal mit Wing Tsun (damals EWTO) in Berührung kam, wurde härter und intensiver trainiert. Die damals in der Kampfsportwelt relativ unbekannte Art des „Kämpfens“ und die auf reine Selbstverteidigung ausgelegte Kampfkunst mit ihrer „Regellosigkeit“ und Aggressivität, war in dieser Zeit den allermeisten Kampfsportarten überlegen.

Die meisten Spitzenleute waren ehemaligen Kampfsportler aus anderen Bereichen, die ihren Fleiß, ihre Trainingshärte und ihre Erfahrung in dieses System übertrugen, was die damalige Kampfstärke ausmachte.

Eine clevere Marketingstrategie und die damit verbundene Tatsache, dass Wing Tsun und Escrima im Laufe der Zeit immer populärer wurde, ergab, dass sich WT schleichend und immer mehr zu einer „Mainstream“ Kampfkunst entwickelte. Das System wurde der breiten Bevölkerung angepasst, sodass es keine „elitären“ Grundzüge mehr hatte, sondern durch „Massenveranstaltungen“ für jedermann-/frau erlernbar schien.

Durch die Werbung, welche ein intelligentes Kampfsystem versprach und als Klientel immer häufiger die „intellektuelle“ Gesellschaft im Blick hatte, (nicht zuletzt auch durch die hohen Gebühren, die sich eher Leute leisten konnten, die ein gutes Einkommen hatten), entwickelte sich WT hin zu einer durch Spaß und Leichtigkeit geprägten Außendarstellung. Diese wiederum zog „Kunden“ an, die es sich weder leisten konnten noch wollten, sich einem Training der frühen Anfangszeiten zu unterwerfen und die glaubten allein durch das intelligent vermarktete Chi-Sao (als wertvoller Teilbereich des Trainings) eine gewisse Selbstverteidigungsfähigkeit automatisch zu entwickeln.

Gleichzeitig änderte sich die komplette Kampfsportszene. Ultimate Fights, MMA Veranstaltungen usw. revolutionierten den bisherigen Kampfsportmarkt und entpuppten sich durch ihr restriktives Regelwerk und die Symbiose von „Stand Up/Groundfighting“ zu einer gut funktionierenden Kampfsportart, die durch ihre Wettkampforientierung ein professionelles und hartes Training als Grundlage präsentiert. Und diese Marktveränderung macht es der heutigen Wing Tsun Gemeinschaft als Konkurrenz schwerer.

Interessierte, als Alternative zu MMA, trotzdem von WT zu überzeugen, setzt den Blick über den Tellerrand zu schauen, voraus.

Ich bin nach wie vor von den systemischen Grundlagen des Wing Tsun überzeugt. Eine Anerkennungschance haben aber nur diejenigen, die gute, brauchbare und modern kombinierte Trainingskonzepte entwickeln. Ehrliches und hartes Training und das Heranführen an Sparringsmöglichkeiten sind der Schlüssel zur Überzeugung.

Die allermeisten unserer Schüler haben keine Ahnung von der chaotischen Hässlichkeit und Brutalität einer richtigen Auseinandersetzung und der damit verbundenen Art und Weise des notwendigen Trainings. Sie wollen und  können mitunter nicht so hart trainieren, wie es sein müsste. Trotzdem müssen wir ihnen klarmachen, was zu einer realen Konfliktbewältigung gehört. Hemmschwellenabbau durch Kontakttraining in Form von Sparring mit unkooperativen Partnern, körperliches Intervalltraining usw. sollte auch von denjenigen Mitgliedern eingesehen werden, die von eher zurückhaltender Natur geprägt sind und auch keine Wettkampfpsyche in sich haben. Allein die Tatsache, dass es beim MMA per se um Körperlichkeit, Härte, Durchhaltevermögen und sonstigen, einem brutalen Wettkampf entsprechenden Eigenschaften geht, macht diese Form den Kampftrainings „überlegen“.

Da es bei uns um keine Wettkampfvorbereitung geht, sondern um das eigentlich „Schlimmere“, nämlich die körperliche Unversehrtheit in der Realität, ist es unserer Aufgabe als Wing Tsun Trainer, dem was wir nach außen proklamieren, auch gerecht zu werden. Nämlich ein Training zu konzipieren, welches zur einer tauglichen Selbstverteidigungsfähigkeit führt und auch von anderen Kampfsportarten akzeptiert wird.  Auch wenn wir keine wettkampforientierte Institution sind, sollten wir doch so trainieren, als wären wir eine.

Natürlich lebt eine private Kampfkunstschule auch von den Mitgliedern, die nicht bereit sind, sich einem notwendig harten Training zu unterwerfen. Ein auch auf dieses Klientel abgestimmtes Training darf es geben. Aber es ist meine Aufgabe als verantwortungsbewusster Trainer, diesen Leuten keinen Sand in die Augen zu streuen und ihnen klar zu machen, wo sie stehen.

Sifu Henry Müller

 

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